Disarstar


Biography Disarstar



Disarstar
Unpolitisch sein? In der heutigen Zeit? Absolut keine Option. Zumindest nicht für DISARSTAR, der sich bereits mit der ersten Single seines neuen Albums „Bohemien“ unmissverständlich positionierte. Sie trägt den Titel „Alice im Wunderland“ und ist eine zornige Abrechnung mit der AfD, deren rechtspopulistische Parolen das gesellschaftliche Klima zunehmend vergiften: „Du hängst mit Leuten, die den Holocaust leugnen, Alice / Aus deiner Ecke kommen Parolen wie „Deutschland den Deutschen“, Alice / Du willst das Rettungsboot fluten / Hängst mit Leuten, die wieder stolz sein woll’n auf Leistungen deutscher Soldaten / In zwei Weltkriegen 6 Million Juden, Alice“, rappt der Hamburger über einen düster dräuenden Beat, im begleitenden Musikvideo spielt er den Oberarzt einer geschlossenen Abteilung, in der die angesprochene Co-Vorsitzende der AfD für ihre geistige Störung behandelt wird.

Wo viele nur heiße Luft reden und sich verdrücken sobald es ernst wird, wählt DISARSTAR den direkten Weg und zeigt damit ganz nebenbei mehr Rückgrat als die gesamten Top 20 der deutschen Charts zusammengenommen. Eben dort landeten bereits seine beiden bisherigen Alben „Kontraste“ (2015) und „Minus x Minus = Plus“ (2017) – und man braucht nicht besonders viel Fantasie um zu prophezeien, dass DISARSTAR mit seinem kommenden Werk „Bohemien“ noch eine gehörige Menge mehr Staub aufwirbeln wird. Mit Texten, die in einem Moment messerscharf das kapitalistische Wirtschaftssystem sezieren und im nächsten Moment bewegende Beziehungsporträts abliefern, die das Gefühl der „Generation Millennium“ ebenso treffend auf den Punkt bringen, wie sie scheinbar mühelos Nietzsche, Hegel und Kant zitieren. Ähnlich abwechslungsreich kommen die Produktionen daher, die das gesamte Spektrum abdecken, von hart knallend, rockig, kantig bis zu gefühlvoll weich, melodisch, atmosphärisch dicht.

„Ich finde es cool, Kunst zu machen, die Leute dazu bringt nachzudenken und sich mit Dingen auseinanderzusetzen“, sagt DISARSTAR dazu. „Ich glaube, das ist etwas, was ein Van-Gogh-Bild genauso in sich hat wie das neue Muse-Album.“ Seine eigene Sozialisierung begann bereits „im Alter von 14, 15 Jahren“, wie sich der heute 24-Jährige erinnert. „Ich habe schon früh angefangen, mich für Politik zu interessieren. Mein Vater ist ein sehr politischer Mensch und ein ziemlich belesener Typ.“ Gehe man dazu wachsam durch die Welt, werde einem schnell klar, dass einiges falsch laufe: „Es gibt Dynamiken, die ich beobachte seit ich ein kleiner Junge bin, bei denen man einfach merkt: das ist irgendwie komisch. Ich gehe durch die Mönckebergstraße und neben mir liegt ein Mann auf der Straße. Was ist dem passiert oder was kann vielleicht die Gesellschaft oder auch die Politik dafür, dass der da auf der Straße liegt? Wenn man sich solche Fragen stellt, wird man politisch.“

„Die Gerechtigkeit wirft einen Blick in die Welt / Lacht sich kaputt, nimmt sich ‘nen Strick und hängt“ – von dieser Seite DISARSTARs erzählen Songs wie „Riot“ oder das drastische „Robocop“, in dem er den Polizeiapparat kritisch unter die Lupe nimmt: „Bin bewaffnet mit Pfeffer, bewaffnet mit Stock, bewaffnet mit Glock und hab abartig Bock / Komm mit Krach in den Block / Gib dir was auf den Kopf und verhafte den Mob / Ey yo, wer oder was ist der Boss, hä? / Ab jetzt werden wieder Spastis verkloppt“. Harter Tobak – und doch nur eine der vielen Facetten des Musikers. Beispielsweise gibt es da noch die ganz andere Seite, jene, die Politik ganz bewusst links liegen lässt. Denn, wie DISARSTAR betont: „Rein politische Musik finde ich unästhetisch. Ich hasse es, wenn Leute repetitiv immer wieder das Gleiche sagen und ausschließlich das. Auch wenn Politik natürlich etwas ganz Wesentliches ist, das unsere Gesellschaft konditioniert und konstituiert und viel mehr Einfluss auf unser Leben hat, als wir denken: Liebe und Liebeskummer, das sind die großen Themen der Menschheit, in allen Zeiten der Menschheitsgeschichte und völlig unabhängig von der Organisation der Gesellschaft.“ Und dann sagt DISARSTAR einen Satz, der von einer muskulösen, furchtlosen Gestalt wie ihm fast berührend klingt: „Ich bin so ein sensibler Typ, dass ich immer Bock habe darüber zu schreiben, wenn es was zu erzählen gibt.“

Und das gibt es. „Es könnte so schön sein / Wir lassen uns nicht / Ist es das wert? Es bricht mir das Herz, betrachte ich dich“, liefert DISARSTAR in „Dunkle Wolken“ (feat. KAIND) das herzzerreißende Protokoll einer zerbrechenden Liebe, „Hoffnung & Melancholie“ (feat. Philipp Dittberner) schildert die Orientierungslosigkeit seiner „Generation Millennium“ – „Digital Natives, wo die Flut an Information sich immer schon eine Schneise durch die Sinne bricht / Stillstehen geht nicht / Diese Welt will uns nicht denkend, sondern funktionierend / Zweifel ist ein Hindernis“. In „Wach“ (feat. Lina Maly) thematisiert er schonungslos ehrlich die Kämpfe mit seinen eigenen Dämonen – „Ich bin geflogen ‘n paar Jahre / Hatte die Zeit meines Lebens, lauf / Und dann doch wieder Depressionen, komm nach Hause / Brech‘ einfach in Tränen aus“ –, „Alles okay“ dreht eine Runde im Hamsterrad des Lebens und stellt danach ernüchtert fest: „Läuft gerade anders, als wir uns das alle ausgemalt haben / Keiner hat Zeit, keiner hat’n Haus und ‘nen Garten / Kein Gefühl außer ein flaues im Magen / Alkohol schmeckt gut an genau diesen Tagen“. In „Ich hab dich“ blickt DISARSTAR dankbar auf eine menschliche Begegnung zurück, die ihn nachhaltig geprägt hat und „Nike’s x McDonald‘s (feat. BLINKER & Philipp Dittberner)“ liefert beißende Konsumkritik: „Alle wollen gute Menschen sein / Die Familie bei der nächstbesten Gelegenheit treffen / Und den Regenwald retten … Das kleine Glück für kleines Geld / ‘N Fettes Steak und ‘ne heile Welt … Alle wollen ein Haus am See, Kohle und gut aussehen“, beobachtet DISARSTAR, und hält demonstrativ dagegen: „Ich will Schuhe und ‘ne große Pommes / Ich brauch nur Nike’s und McDonald’s“.

„Du kannst den Song am Ballermann hören, wenn du sturzbesoffen bist, und es ernst meinen, dass du nichts brauchst außer Nike’s & McDonald’s, du kannst das aber auch reflektieren und denken: ‚Okay, wir sind schon ganz schön bescheuert’“, kommentiert DISARSTAR zu „Nike’s x McDonalds“ – ein Song, der exemplarisch zeigt, was ihn als Rapper so stark und interessant macht: Seine Musik funktioniert auf mehreren Ebenen, ist inhaltlich dicht am Puls der Zeit und überzeugt mit einer Auswahl an Gastmusikern, die für ein straightes Rap-Album wie „Bohemien“ überraschend ist. Harte Rapperkollegen wird man in den Songs vergeblich suchen, sondern durchweg gefühlige Singer-Songwriter. „Ich bin auf diese Features unglaublich stolz und froh, dass ich mit diesen Künstlern Musik machen durfte“, so DISARSTAR dazu. „Lina Maly ist 21, schreibt selbst, der prophezeie ich eine ultragroße Karriere. Die kann das, was sie macht, im Prinzip noch dreißig Jahre machen und es vergeht einem Hören und Sehen, wenn man sich vorstellt, wie sich das anhört in dreißig Jahren. KAIND ist für mich handwerklich und vom Charisma der beste Sänger Deutschlands, Philipp Dittberner ist auf diesem Pop-Feld der Coolste, der Realste von allen, die ich kennengelernt habe. Und Blinker ist der Erste seit Langem, der ein bisschen Pop macht, ein bisschen Punk, trotzdem auch Indie und dabei ultratalentiert ist und Gitarre spielt wie so’n Halbgott. Das mal kurz als Liebeserklärung für die Leute, mit denen ich die Songs für mein Album machen durfte.“

Bleibt noch die Klärung der Frage, wie Disarstar für sich den titelgebenden „Bohemien“ definiert. „Ich habe ganz klar gegengesellschaftliche Standpunkte, ich bin ganz klar auflehnerisch und für mich ist die Kunst alles“, zählt er auf. Dass er mit diesem Ansatz keine leicht konsumierbare Mainstream-Ware abliefert, ist ihm nur recht: „Ich bleibe lieber Underground und bekomme flächendeckend Respekt, als dass ich Müll mache, damit ich mehr verkaufe“. Wie gesagt: dieser Mann hat mehr Rückgrat als die gesamten Top 20 der deutschen Charts zusammengenommen. Nico Cramer, 2018

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